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Was ist der „STÄRKENORIENTIERTE BLICK“?

  • Autorenbild: Amavida Montessori
    Amavida Montessori
  • 22. Feb.
  • 6 Min. Lesezeit

Der Begriff „Stärkenorientierung“ ist heute in aller Munde. Er klingt selbstverständlich – fast banal. Natürlich möchte jede Familie die Stärken ihres Kindes fördern, und selbstverständlich soll auch die Schule dazu beitragen. Jedes Kind bringt eigene Begabungen, Interessen und Potenziale mit. Kein Kind ist wie das andere, und Entwicklung verläuft individuell.


Doch stärkenorientiert zu arbeiten bedeutet mehr als nur vorhandene Talente zu „nutzen“. Es heißt, das Kind in seiner Gesamtheit wahrzunehmen – mit seinen Interessen, seinem Tempo, seinen sensiblen Phasen und seinem inneren Antrieb zu lernen. Es bedeutet, Potenziale nicht zu normieren, sondern ihnen Raum zu geben. Wenn ein Kind besondere Fähigkeiten zeigt, dürfen diese vertieft werden – nicht im Sinne von Leistungsdruck, sondern als Ausdruck innerer Motivation und Freude am Tun.


Maria Montessori ging davon aus, dass jedes Kind ein inneres Entwicklungsprogramm in sich trägt. Aufgabe der Erwachsenen ist es, eine vorbereitete Umgebung zu schaffen, in der sich dieses Potenzial entfalten kann. Wenn wir Stärken ernst nehmen, geht es nicht um Wettbewerb, sondern um Selbstwirksamkeit, Vertrauen und die Erfahrung: Ich kann etwas. Ich werde gesehen. Ich darf wachsen.

Und ja – wenn Menschen ihre Fähigkeiten entfalten dürfen, profitiert letztlich auch die Gemeinschaft davon. Doch der Ausgangspunkt bleibt immer das einzelne Kind.


Betrachten wir das genauer – durch die Brille der Montessori-Pädagogik.

Maria Montessori beschreibt das Kind als „Baumeister seiner selbst“. Damit meint sie, dass jeder Mensch einen inneren Bauplan in sich trägt – eine individuelle Anlage, nach der er sich in seinem eigenen Tempo und auf seine eigene Weise entfaltet. Entwicklung ist kein von außen gesteuerter Prozess, sondern ein innerer, aktiver Aufbau.

Die bekannten Sätze „Hilf mir, es selbst zu tun“ und „Hilf mir, selbst zu denken“ bringen diesen Gedanken auf den Punkt. Sie bedeuten nicht, Kinder sich selbst zu überlassen. Vielmehr fordern sie uns Erwachsene auf, Rahmenbedingungen zu schaffen, in denen Kinder eigene Erfahrungen machen, eigene Lösungswege finden und eigene Denkprozesse entwickeln können.


Stärkenorientierung im Montessori-Sinn heißt daher:Wir geben Zeit.Wir geben Raum.Wir greifen nicht vorschnell ein.Und wir bieten gezielt Gelegenheiten, damit Kinder tätig werden können.

Unsere Aufgabe ist es, eine vorbereitete Umgebung zu gestalten, die Entwicklung ermöglicht – nicht sie zu ersetzen. Denn wirkliche Stärke entsteht dort, wo ein Kind selbst wirksam werden darf.


Was Montessori-Pädagogik nicht bedeutet: Kindern vorzuschreiben, wie sie etwas zu tun haben, wann sie es zu tun haben oder wie schnell sie es zu tun haben.

Wir schreiben keine klassischen Zeugnisse und wir bewerten Kinder nicht im Sinne von Noten oder Vergleichsskalen. Stattdessen beobachten wir – aufmerksam, kontinuierlich und oft unauffällig.

Was beobachten wir?

Wir beobachten:

– womit sich ein Kind beschäftigt

– wie es arbeitet

– wie oft es eine Tätigkeit wählt

– wie lange es sich vertiefen kann

– wie es mit Schwierigkeiten umgeht

– wann es Unterstützung sucht – und wann nicht.


Aus diesen Beobachtungen versuchen wir zu verstehen, was das Kind innerlich bewegt. Wir suchen nach Hinweisen auf seinen individuellen „Bauplan“ – auf Interessen, sensible Phasen, Entwicklungsbedürfnisse und wachsende Kompetenzen.


Auf dieser Grundlage bieten wir passende Impulse und Materialien an. Nicht zufällig, nicht beliebig, sondern bewusst gewählt – damit das Kind an dem Punkt weitergehen kann, an dem es innerlich bereit ist. Wir beobachten also nicht in erster Linie, was einem Maßstab entspricht, sondern was ein Kind bereits kann, wofür es Interesse zeigt und wo es sich vertiefen kann. Dort liegt sein Entwicklungspotenzial.


Wir vergleichen Kinder nicht – weder untereinander noch mit außerschulischen Vergleichsgruppen, vermeintlichen nationalen Standards, Anforderungslisten aus Lehrplänen oder Kompetenzrastern.

Unser Blick richtet sich auf das einzelne Kind.

Deshalb arbeiten wir nicht mit Tests oder Listen, die abgearbeitet werden müssen. Stattdessen fragen wir:Womit beschäftigt sich das Kind gerade gern?Worin kann es sich vertiefen?Wo zeigt sich Ausdauer, Neugier, innere Beteiligung?

Denn: Was man mit Interesse tut, tut man in der Regel auch gut. Und was man gut kann, stärkt das Selbstvertrauen.

Gleichzeitig erweitern wir den Horizont der Kinder. Wir bringen Themen ein, erzählen Geschichten, stellen Materialien bereit – auch dann, wenn ein Kind sich vielleicht erst Wochen oder Monate später intensiver damit auseinandersetzt. Maria Montessori beschreibt die Rolle der Lehrkraft als die einer Person, die „Samen sät“. Viele Samen. Manche gehen sofort auf, andere brauchen Zeit.

Die Lehrkraft soll ein inneres Feuer entfachen – und es mit echten, lebendigen Geschichten und bedeutsamen Inhalten nähren, solange Glut, also echtes Interesse, vorhanden ist.


Warum ein stärkenorientierter Blick?

Wenn Kinder das Gefühl entwickeln, sie müssten etwas genauso schnell oder genauso gut können wie andere, beginnen sie sich zu vergleichen. Der Fokus verschiebt sich: weg vom eigenen Interesse – hin zur äußeren Bewertung.

Dann tun sie etwas nicht mehr aus innerem Antrieb, sondern um mitzuhalten. Nicht mehr für sich, sondern für eine Note, ein Zeugnis, ein Lob. Sie orientieren sich am Außen – nicht mehr an ihrem inneren „Baumeister“.

Natürlich können andere Kinder Anregung sein. Das Tun der anderen darf inspirieren, darf ein „Samen“ sein, der Interesse weckt. Gemeinschaft lebt auch vom gegenseitigen Lernen. Doch Inspiration ist etwas anderes als Wettbewerb. Es soll kein Leistungsvergleich entstehen, keine Abhängigkeit von äußerer Bestätigung.

Kinder haben ein Recht darauf, ihre eigenen Wege zu finden. Unsere Aufgabe – als Lehrkräfte und ebenso als Eltern – ist es, diesen Raum zu schützen.


Fehlersuche ebenso wie übermäßiges oder unspezifisches Lob können Kinder abhängig machen. Wenn ein Kind ständig hört, was es noch nicht kann, oder nur für äußere Bestätigung arbeitet, verliert es die Verbindung zu seiner eigenen Motivation.

Was würde geschehen, wenn wir fortwährend messen und kontrollieren, was ein Kind noch nicht kann?Worauf soll der „innere Baumeister“ dann aufbauen?


Die implizite Botschaft wäre:„Du genügst noch nicht.“„Du bist noch nicht gut genug.“„Du musst dich mehr anstrengen.“


Eine solche Botschaft stärkt nicht – sie verunsichert.

Wie viel inspirierender wäre es gewesen, wenn in unserer eigenen Schulzeit jemand gesehen hätte, was wir bereits können – und darauf aufgebaut hätte, statt vorrangig Fehler und Defizite zu benennen?


Ein stärkenorientierter Blick bedeutet nicht, Schwierigkeiten zu ignorieren. Er bedeutet, Entwicklung vom Können her zu denken – und Vertrauen in den inneren Wachstumsprozess des Kindes zu haben.


Wir möchten mit dem Kind feiern, was es bereits kann.

Als Erwachsene haben viele von uns nicht das Glück gehabt, sich im eigenen Tempo entwickeln zu dürfen. Wir wurden in Lehrpläne, Systeme und Erwartungshaltungen eingebunden – wir mussten funktionieren, um als „erfolgreich“ zu gelten. Diese Erfahrungen prägen uns.

Umso wichtiger ist es, dass wir achtsam bleiben und unsere eigenen negativen Schulerfahrungen nicht unbewusst auf das Kind übertragen. Gerade wenn Eltern befürchten, eigene Schwächen weitergegeben zu haben, besteht die Gefahr, genau diese im Kind besonders aufmerksam zu suchen – oder sie vorschnell zu thematisieren. Doch stärkenorientiert zu handeln heißt: den Blick bewusst auf das Gelungene zu richten. Erfolge wahrzunehmen. Fortschritte zu würdigen.

Kinder im Alter von sechs bis zwölf Jahren verfügen über eine erstaunliche Fähigkeit, eigene Lösungsstrategien zu entwickeln. Sie müssen diese Wege nicht rechtfertigen oder mit denen anderer vergleichen. Sie dürfen ausprobieren, verwerfen, neu ansetzen.

Wir nehmen Schwierigkeiten nicht weg, indem wir sofort eingreifen, sobald ein Weg aus unserer Sicht „falsch“ erscheint. Kinder haben das Recht, eigene Wege zu gehen – und Fehler zu machen.


Das verlangt auch uns Erwachsenen etwas ab. Wir müssen Fehler aushalten können.

Wenn bei einer mehrstelligen Multiplikation eine einzige Ziffer nicht mit dem Taschenrechner übereinstimmt, ist der gesamte Lösungsweg deshalb wertlos? Natürlich nicht. Vielleicht war es eine kleine Unachtsamkeit beim Schreiben. Vielleicht war der Denkweg in sich völlig stimmig. Wie großartig ist dann die geleistete Arbeit des Kindes?

Ein roter Strich unter dem Fehler, womöglich addiert zu weiteren Markierungen, sendet jedoch eine andere Botschaft:„Hier hast du versagt.“„Das ist nicht gut genug.“

Montessori fordert uns auf, Fehler anders zu betrachten. Sie spricht vom „Signor Errore“ – dem „Herrn Fehler“ als Lehrmeister. Fehler sind keine Schande. Sie sind Hinweise. Sie zeigen, wo Entwicklung stattfindet.

Die Analyse von Fehlern ist Aufgabe der Pädagoginnen und Pädagogen. Wir entscheiden, ob ein Thema grundlegend wiederholt werden sollte – etwa die Vielfachen der 8 –, ob die Aufmerksamkeit auf ein Detail gelenkt werden muss oder ob es sich schlicht um einen unbedeutenden Irrtum handelt.

Leider erleben wir immer wieder Kinder, die Angst vor Fehlern haben. Vielleicht kommen sie mit dieser Haltung aus anderen Schulen, vielleicht haben sie gelernt, dass Fehler ein Zeichen von Schwäche oder Versagen seien.

Mit dem stärkenorientierten Blick begleiten wir die Kinder dabei, diese Angst abzulegen. Wir helfen ihnen zu erkennen, dass Fehler Möglichkeiten sind – Möglichkeiten zu verstehen, zu wachsen, weiterzugehen.

Feiern wir also den stärkenorientierten Blick.

Und feiern wir Montessoris „Signor Errore“ – als Einladung, Entwicklung mutig zuzulassen.

 
 
 

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